Frau Müller muss weg
Stück von Lutz Hübner
„Nüchtern betrachtet sägen wir die viel zu spät ab. In drei Monaten gibt es die Übergangszeugnisse und dann hat diese unfähige Kuh unseren Kindern die Zukunft endgültig versaut.“
Bei Kindern hört der Spaß auf. Da zeigt sich, wie solidarisch eine Gesellschaft wirklich ist und wie sie mit Erfolg und Niederlagen umgeht. Spätestens mit Beginn der Schulzeit werden die Ängste konkreter: Wer den falschen Schultypus erwischt, kann einpacken, ist aussortiert und kommt nicht mehr hoch. Das ist der Albtraum aller Eltern, und dagegen wird gekämpft, mit allen Mitteln, über und auch gerne unter der Gürtellinie. Sachlichkeit und Objektivität spielen keine Rolle, es geht schließlich um alles: um das eigene Kind. Deshalb geht es bei Elternabenden ans Eingemachte. Wann trägt man sonst außerhalb von Familie und Freundeskreis einen existenziellen Konflikt aus? Und dann sitzen alle zusammen im Klassenzimmer zwischen Kastanienmännchen, Laubgirlanden, Tonpapiercollagen und Kuschelecken, und vorne steht der Feind (Frau Müller!). Jetzt muss man zeigen, dass man seine Brut mit Zähnen und Klauen verteidigen kann, man hat so große Töne gespuckt ...
An Elternabenden kämpfen nicht nur Eltern um ihre Kinder, sondern auch immer die Eltern für sich selbst. Deshalb: Frau Müller muss weg!
Foto:aremac;www.photocase.de


